zwischenworte

Handgeschrieben

Die Erbse

Ich saß in der Bahn und schaute allen Menschen ins Gesicht. Es waren nicht viele; es war Dienstag Nachmittag, die Luft drückend heiß.
Ich war an diesem Tag wie auf Wolken gewandert, wie in Watte gepackt. Die Sitze waren aus Stoff, man blieb nicht an ihnen kleben. Ich fragte mich, wie viel fremden Schweiß sie aufgesogen haben, das nun in meine Poren drang. Meine Beine waren nackt.

Ich wollte mich anfassen, dort in der Bahn, mit den Menschen drin. Meinen Körper ertasten, mir selbst genug sein. Eine Königin, von Geburt Gnaden.
Ich wollte, dass jemand meine Gedanken fühlt. Ein einziger Mensch auf der Welt, meinetwegen. Ich müsste nicht sprechen, nicht schreiben, nicht malen. In meinem Kopf würde alles entstehen, und so auch im Kopf dieses Menschen. Welten ohne Anfang und ohne Ende, Blitze am Tag und erotische Spiele.
Ich schaute die anderen Fahrgäste an. Ich sendete jedem: Kannst Du Mich Fühlen?
Dem Mann, der trotz Hitze Krawatte trug, dem kleinen Mädchen, das an der Haltestange leckte. Die Frau in Blau ignorierte mich völlig, das junge Paar fühlte nur einander.
„Wenn ich mal groß bin“, sagte das kleine Mädchen, „werde ich Prinzessin.“
Unter all der Watte spürte ich etwas Hartes. Nicht jedes Mädchen wird Prinzessin, dachte ich. Nicht jede Prinzessin Königin.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. April 2013 von in Miniatur, Prosa und getaggt mit .
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