zwischenworte

Handgeschrieben

Ball-König

Die Menge jubelt, pfeift, wirft die Arme in die Höhe und Plastikbecher auf den Platz. Er kennt die Rituale, in jedem Land sind sie gleich. Breitbeinig steht er da, vor den knapp 18 Quadratmetern seines Königreichs, das er nun zu verteidigen hat. Er blinzelt den Spielern entgegen, die sich vor dem Strafraum versammeln; die Sonne steht nicht günstig für ihn.

Wenn du den nicht hältst… Der Gedanke huscht so schnell durch seinen Kopf, dass jegliches Vorhaben, ihn nicht zu denken, nur als Farce durchgehen kann. Das weiß er und doch ärgert er sich, denn einmal in Gang gesetzt, kehren die Worte wieder, wie auf einer großen Digitalanzeige, die in langsamer Schleife vor seinem inneren Auge abläuft.
Wenn… Du… Den… Nicht… Hältst…
Er hüpft ein paar Mal hoch, schüttelt sich. Wie beiläufig wandert sein Blick zur Trainerbank.
Die Analysen haben ergeben, dass seine Quote nachgelassen hat. Keine große Überraschung. In den Zeitungen stand, er werde zu alt.
Er sieht den gegnerischen Schützen den Ball auf die Stoßmarke setzen. Die Luft flimmert,
auf den Tribünen flimmern die Massen. Wenn er den Ball hält, werden sie ihm wieder zu Füßen liegen. In Zeitlupe sieht er sie Wellen schlagen, hört ihre Schlachtrufe. Er ist der König. Er bringt sich in Stellung.
Erst kommt der Pfiff, dann kommt der Schuss, der Ball dreht sich um die eigene Achse. Wenn er den hält, müssen sie ihn behalten; es gibt keine andere Wahl. Der Ball kommt, der König springt … Die Menge, sie jubelt, und pfeift.

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. April 2013 von in Miniatur, Prosa.
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