zwischenworte

Handgeschrieben

Windstille

Er hat einen Platz beim Springbrunnen zugewiesen bekommen. Einer anderthalb Meter hohen und einen Meter breiten Säule, deren Spitze eine offene Muschel bildete, aus der das Wasser wie aus einer Regenrinne in ein kleines Becken hinunter rieselte. Sein Platz, das war ein kleiner Tisch, etwas unbedarft von einer Auszubildenden dekoriert, darauf eine Flasche Wasser und ein Pappaufsteller in DIN A4 Größe, auf dem neben seinem Photo in goldenen Buchstaben zu lesen war:
MAX MILLI UNTERSCHREIBT FÜR SIE!

Darüber hinaus hatte er an der Eingangstür im Erdgeschoß einen Zettel kleben gesehen, ebenfalls DIN A4, der auf den besonderen Gast aufmerksam machen sollte.
Als er ankam, waren seine Augen immer noch verquollen, trotz der Flasche Bier, die er eine Stunde zuvor, gegen den Kater getrunken hatte, und trotz des Kaffees, den ihm ein junges Mädel im blauen Kittel gebracht hatte – vielleicht dasselbe, das die Goldbuchstaben auf sein Photoschildchen geklebt hatte – und der überwiegend nach Zucker schmeckte. Die ersten zehn Minuten behielt er die Sonnenbrille an, zog dafür das zerknitterte Jackett aus, in dem er unter der grellen Deckenbeleuchtung zu schwitzen anfing. Zuerst fand er den Platz angenehm, das Wasser des Brunnens schien etwas Kühle zu spenden, aber nach einer halben Stunde fing das Geplätsche an, ihm auf die Nerven zu gehen. Vielleicht war es aber auch die Paarung vom Wasserplätschern und dem Gequicke der Kleinkinder, die sich gegenseitig mit Wasser bespritzten, ungeachtet der monotonen Aufforderungen der jungen Mütter, die alle denselben Friseur aufzusuchen schienen, der augenscheinlich eine Vorliebe für blonde Strähnchen und den früheren David Bowie hatte. Die erste halbe Stunde hatte Max kaum Beschäftigung, eine etwa fünfzigjährige Frau in engen Lederhosen war an seinen Tisch herangetreten, und mit einem Goldzahnlächeln und krächzender Stimme nach einer Autogrammkarte verlangt.
„Sieht ja ganz anders aus!“, kommentierte sie das Photo auf der Karte, das einen um fünfzehn Jahre jüngeren Milli zeigte.
„Schon mal in den Spiegel geguckt?“
Sie drehte sich augenblicklich um und verschwand in einem Geschenkladen, die Karte nahm sie mit. Max zeichnete einen Strich auf die Papiertischdecke. Zwei weitere Striche kamen etwa eine Dreiviertelstunde später hinzu, als zwei Jugendliche nach einem viertelstündigem Ritual, das Fingerzeige, Lacher und Gesichtsentstellungen, sowie Luftgitarre-Spielen beinhaltete, sich endlich an seinen Tisch trauten.
“Sind die auch was wert?” fragte der größere der beiden und wedelte mit einer der Autogrammkarten hin und her, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.
Max starrte auf den Pickel, den der Junge mit dem Makeup seiner Schwester unbeholfen zu kaschieren versucht hatte, der aber unbeeindruckt auf seiner Stirn weiter wucherte und sich den Weg auf die Sonnenseite frei bahnte.
“Das ist relativ”, sagte Max und wünschte sich, in der Wasserflasche auf seinem Tisch würde ein großer, fetter, alkoholdurchtränkter Wurm herum schwimmen. Aber der Wurm steckte woanders drin.
“Bist du ein Schauspieler, oder was?”
Ohne seine Antwort abzuwarten, fingen die Jungs an, sich mit ausgedachten Filmtiteln zu übertrumpfen, in denen man ihn, Max, vielleicht schon mal gesehen haben könnte.
“Max Milli…klingt wie´n Pornoname.” Voller Stolz reihte der kleinere Bursche sich in das Lachen des größeren ein.
“Mh, Milli…” stöhnte dieser und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. ”Milli Vanilli!” Die beiden kriegten sich kaum noch ein, obwohl nicht einer der Lacher echt wirkte. Max hatte die Schnauze voll. Er beugte sich vor.
“Klar”, sagte er, “ich bin ein Pornostar, und ich steh auf kleine Jungs wie euch. Und ich weiß, dass du”, er schaute dem größeren Jungen direkt in die Augen, “auf richtige Männer wie mich stehst.”
Eine halbe Stunde später machte er Mittagspause. Er schlenderte durch das kleine Einkaufszentrum, und stellte fest, dass er zwei Möglichkeiten hatte. Entweder “Olle´s Eck”, in dessen Schlummerlicht er die angebotenen Buletten oder Bratwürste – beides wahlweise mit Kartoffelsalat – nicht deutlich genug erkennen würde, um davon Abstand zu nehmen, oder die “Istanbul Plaza”, die viel heller war und ein breiteres Nahrungsangebot hatte, in der sich aber auch Kinder und schnatternde Teenager befanden. Bier konnte man dort auch bekommen, und er hatte Hunger. Er betrat das Lokal, bestellte einen Döner Teller und ein Bier und setze sich in die Ecke, die dem Eingang am weitesten entlegen war. Nachdem er aufgegessen hatte, bestellte er ein weiteres Bier, dann noch eins. Er duckte sich, als er das junge Mädel im blauen Kittel an der “Plaza” vorbeilaufen sah, und als sie kurze Zeit später am Eingang stehen blieb und den Blick über die Tische schweifen ließ. Als er sich wieder aufrichtete, flatterte ihm ein Zettel entgegen, der sich von der Fensterscheibe, an der er saß, gelöst hatte. Er hob ihn auf und las.
NUR HEUTE! DIE GROßE SCHLAGERLEGENDE MAX MILLI ZU GAST IM WINDMÜHLENCENTER! SIGNIERSTUNDE 13 UHR!
Er schaute auf die Uhr. Es war spät geworden, und die Windflügel drehten sich schon lange nicht mehr.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Februar 2012 von in Prosa, Wolkig.
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